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  Artikel aus der Bild-Zeitung
 

Artikel aus der Bild-Zeitung

Wenn Eltern ihr eigenes Kind zu Grabe tragen müssen ... BILD begleitete für diese Serie Menschen, die nicht mehr lange zu leben haben. HEUTE: Holger Helmdach (37) erzählt, wie er seinen fünfjährigen Sohn an den Krebs verlor.

 

 

Noah-Finn hält sich die kleinen Hände vor seine fröhlichen Augen. Er sitzt auf meinem Schoß und spielt Verstecken. Sein helles Lachen erfüllt das Wohnzimmer. In meinen Erinnerungen ist dieses Lachen geblieben. Aber wirklich hören werde ich sein Lachen nie wieder.

 
 
 
 
Neurofibromatose heißt die Krankheit, die uns den Sohn entrissen hat. Der seltene Gendefekt lässt Krebszellen im ganzen Körper wuchern. Vier Operationen und drei Chemotherapien hatte er hinter sich, doch die Krebszellen wuchsen unaufhaltsam weiter. Gemeinsam mit meiner Frau Dagmar entschieden wir, dass wir keine fünfte OP mehr wollen.

 

Ich schaue mir ein Foto aus Disneyland an. Noah-Finn steht zwischen Goofy und seinen drei älteren Geschwistern Lucas (10), Pascal (14) und Franziska (16). Wir Eltern machen uns Hunderte Gedanken über die Zukunft unserer Kinder. Über Schule, Ausbildung, Hochzeit. Daran, dass es keine Zukunft geben könnte, dachten wir nicht.

Wie erkläre ich einem Vierjährigen, dass er stirbt?

 

Dagmar erzählte Noah, dass er ein Sternenkind wird und im Himmel weiterlebt. Noah blickte von seiner Playmobil-Eisenbahn auf und fragte: „Papa, kommst du mit zu den Sternenkindern?“

 

Ich habe ihm gesagt: „Nein, Schatz, da dürfen nur Kinder hin und zwar besondere.“ Und Noah antwortete: „Nicht schlimm, dann rufe ich dich eben aus dem Himmel an.“ Und dann bestürzt: „Aber Papa, wie finde ich denn da ein Telefon?“ Ich musste den Kloß im Hals hinunterschlucken und sagte ihm so fröhlich wie möglich: „Da helfen dir die anderen Sternenkinder.“

 

Einen letzten Wunsch hatte Noah vor seinem Tod: Er wollte das Meer sehen. Weihnachten 2006 fliegen wir nach Fuerteventura. Es ist der erste richtige Familienurlaub. Und es wird der letzte sein.

 

Das größte Urlaubserlebnis für Noah-Finn: der Ritt auf einem Kamel! „Noch mal“, schreit er und lacht jedes Mal, wenn sich das Tier unter ihm bewegt.

 

In diesem Urlaub ist Noah-Finn noch einmal aufgeblüht, aber danach wurde sein kleiner Körper sehr schnell schwächer. Noah hustete, seine Lunge war mittlerweile voll Metastasen. Im Januar zog er um ins Hamburger Hospiz Sternenbrücke.

 

Am 25. Januar steht ein herzförmiger Kirschkuchen im Speiseraum, Teelichter brennen, Luftschlangen kringeln sich über dem Tisch. Noah-Finn hat Geburtstag. Sein größtes Geschenk ist, dass er diesen Tag noch erleben darf.

 

Am 10. März flitzt Noah noch mit seinem Bobby-Car über den Hospiz-Flur. Drei Tage später verlässt er sein Zimmer nicht mehr. Weitere vier Tage später schafft er es nicht einmal mehr aus dem Bett. Der Krebs nimmt seinem Körper sehr schnell alle Kräfte.

 

An diesem Morgen will er niemanden mehr sehen. Nur ich darf zu ihm. Ich legte mich zu ihm ins Bett und drückte seine Brust an meine. Ich spürte, dass er jetzt geht.

 

Noahs Atem wurde langsamer und leiser. Dann hat er seine kleinen Augen geschlossen. Für immer.

 

Mittlerweile ist Noah-Finn zwei Jahre tot. Immer noch vergeht kein Tag, an dem wir nicht an ihn denken. Meine Frau glaubt, dass der Schmerz mit der Zeit schlimmer wird, nicht besser. Wir haben uns getrennt, wie so viele Eltern, die mit dem Verlust eines Kindes umgehen müssen. Aber um eines kümmern wir uns gemeinsam: dass Noah-Finns Kerze brennt.

 

Seit seinem Todestag leuchtet für ihn ein Licht im Garten der Erinnerung hinter dem Hospiz. Daneben steht ein Bild mit einem roten Hand- und einem blauen Fußabdruck. Wir haben die Abdrücke kurz vor seinem Tod gemacht. Es ist die letzte Erinnerung an unseren Sohn.




 

 

Seine schönsten Momente im Leben
• Der Besuch in Disneyland und der Spaziergang an Goofys Hand
• Die Familienreise nach Fuerteventura, das Burgenbauen am Strand, das Meerwasser an den Füßen
• Der erste Ritt auf einem echten Kamel
 

 
Seine schlimmsten Momente im Leben
• Die Eisenbahn, die er unbedingt zu Weihnachten wollte, aber erst ein Jahr später bekam, weil sie so teuer war
• Der Tag im Krankenhaus, als seine Eltern immer wieder weinen, sogar sein Vater, weil sie irgendwas erfahren haben, das mit ihm nicht stimmt
 
 
 
 
Er hinterlässt nach seinem Tod…
• Großeltern, Eltern und drei Geschwister
• Die Playmobil-Eisenbahn, die er sich so sehr gewünscht hatte
 
• Kamele aus Stoff und Plastik, die er nach seinem Ritt auf dem echten Tier sammelte
• Ein Bild mit Abdrücken von seinen Händen und Füßen, das kurz vor seinem Tod gemacht wurde


 


Dieser Artikel stammt aus der Bildzeitung vom
23. Oktober 2009
 
   
 
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